Paroles des invités Philias

Soziales Unternehmertum und solidarische Wirtschaft

Publié le: 23 mar. 2010

1. Was ist soziales Unternehmertum?

Beim sozialen Unternehmertum geht es darum, Güter und Dienstleistungen von öffentlichem Interesse herzustellen, nicht darum, Gewinne zu maximieren. Die Qualifizierung als soziales Unternehmen basiert nicht auf seiner Rechtsform, sondern auf seinen Werten, den verfolgten Zielen und der Corporate Governance.

2. Wie funktioniert die soziale und solidarische Wirtschaft?

Die soziale und solidarische Wirtschaft (SSW) umfasst alle sozialen Unternehmen, vom KMU zum multinationalen Konzern, und bildet einen dritten Sektor neben dem Privatwirtschaftlichen und dem Öffentlich-Rechtlichen. Sie vereint zahlreiche Bereiche, vom internationalen und regionalen fairen Handel (Fair Trade) über Landwirtschaft aus der Region, Medien, Handwerk, Bauwesen bis zum Dienst am Menschen.

Besonders der Dienst am Menschen ist seit 20 Jahren in Europa besonders aktiv, insbesondere bei der Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen. Das in Genf ansässige Unternehmen Réalise ist ein soziales Wiedereingliederungsunternehmen, dessen Ziel es ist, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossenen Personen die Möglichkeit zu bieten, sich weiterzubilden und innert kürzester Frist wieder Arbeit zu finden.
 
Als in mehreren Wirtschaftssparten tätiges Unternehmen kann es ähnliche Arbeits- und Ausbildungsbedingungen anbieten wie andere Unternehmen und so die Hälfte seiner Kosten selbst tragen. Der Staat entschädigt Réalise für seine Begleitung bei der Arbeitssuche und der Ausbildung – wodurch die andere Hälfte des Budgets gedeckt wird.

3. Was sind die wichtigsten Herausforderungen dieses Markts?

Die heutigen sozialen Unternehmen, die Erben der ersten Genossenschaften des 19. Jahrhunderts, sind besonders innovativ und stellen durch ihre Aktivitäten ihre langfristige Vision einer nachhaltigen Entwicklung unter Beweis: Aufbau von Wohn- und Ökoquartiergenossenschaften, sanfte Mobilität, Landwirtschaft aus der Region, nachhaltiger Tourismus usw.

Die Herausforderung der Zukunft wird sein, das wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenzial der sozialen und solidarischen Wirtschaft neben einem Staat und einer auf Profitsuche ausgerichteten Wirtschaft aufzuzeigen, die beide im Licht der aktuellen Ereignisse an ihre Grenzen stossen. SSW zeichnet die Vision einer sozialen Wirtschaft, die in einer nachhaltigen Gesellschaft auch die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen garantieren kann.
 
In der Schweiz ist soziale und solidarische Wirtschaft wichtig, wird aber oft missverstanden und verkannt, auch von den Entscheidungsträgern.

4. Wie kann man die solidarische Wirtschaft unterstützen? Ist dies eine Aufgabe von Einzelpersonen oder von Unternehmen?

Die ganze Gesellschaft kann die solidarische Wirtschaft unterstützen. Die Mitbürger können von sozialen Unternehmen hergestellte Güter und Dienstleistungen konsumieren, in einer sozialen und solidarischen Wirtschaft arbeiten oder darin investieren. Privatwirtschaftliche Unternehmen können Partnerschaften oder gemeinsame Projekte mit sozialen Unternehmen aufbauen, sich von ihnen beliefern lassen oder ihnen Aufträge erteilen. Sie können von sozialen Wiedereingliederungsfirmen vermittelte Personen einstellen.

Der Staat schliesslich kann zur sozialen und solidarischen Wirtschaft beitragen, indem er ihr günstige Rahmenbedingungen zusichert und sie als Lieferantin bevorzugt.

5. Was sind die Herausforderungen für in diesem Sektor tätige Organisationen?

Die sozialen Unternehmen verpflichten sich, die „Triple Bottom Line“ zu respektieren: wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Profit zu generieren. Heute gibt es aber keine Indikatoren, welche die positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft messen können. Dadurch entsteht eine Art unlauterer Wettbewerb zwischen sozial verantwortlichen Unternehmen und jenen, die ihre Kosten durch das Einschränken ihres sozialen und ökologischen Engagements senken.

6. Was tut APRES?

APRES ist die Kammer für soziale und solidarische Wirtschaft. Sie unterstützt in dieser Funktion ihre 250 Genfer Mitglieder. Wir entwickeln beispielsweise einen Inkubator für soziale Unternehmen, führen ein Weiterbildungsprojekt für Fachkräfte durch, betreiben eine Austauschbörse für „Good Practices“ und informieren Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit.

Jeder Bürger kann übrigens die Dienstleistungen der Mitgliedsunternehmen nutzen, die sich in der Soziale und Solidarische Wirtschaft-Charta verpflichtet haben, Waren und Dienstleistungen mit hohem sozialem Mehrwert anzubieten.

7. Wenn man sich an ein soziales Unternehmen wendet, kann man dies als Mäzenatentum betrachten?

Eine privatwirtschaftliche Firma kann ein soziales Unternehmen mit einer Spende finanziell unterstützen oder unter dem Aspekt einer Partnerschaft von ihr Waren und Dienstleistungen beziehen.

8. Wer sind auch international die wichtigsten Akteure?

Die Unterstützung bei der Entwicklung sozialer Unternehmen nimmt von Tag zu Tag zu. International engagieren sich spezialisierte Stiftungen wie die Schwab Stiftung oder die Fondation Ashoka für deren Förderung. Forschungs- und Austauschnetzwerke (z.B. EMES) sind entstanden und entwickeln sich weiter.

9. Die Ihrer Meinung nach nützlichsten Internetadressen, um mehr zu erfahren?

 

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